Aufgrund des hohen Zeitaufwands an meiner Bachelorarbeit, folgen die Rennberichte der Rennen ab August erst nach der Abgabe meiner Arbeit im September. Vielen Dank für das Verständnis.


2022

01.06.2022

Engadin Bike Giro

Dieses Jahr findet bereits die siebte Austragung meines Heimrennens statt. An drei Tagen kann ich auf den Wegen und Trails, auf denen ich das ganze Jahr trainiere, gegen die besten Marathonfahrer der Welt fahren. Mit der Aufnahme als S2 Rennen im UCI Kalender winken dieses Jahr sogar ein paar UCI-Punkte. Dem entsprechend erscheinen ein paar bekannte Namen auf der Startliste, allen voran der amtierende Weltmeister Andreas Seewald. Um mich optimal auf das Rennen vorzubereiten, bin ich seit gut zwei Wochen bereits im Engadin. Denn seit ich vermehrt im Unterland bin, merke auch ich die Höhe im Engadin. So habe ich auch nochmal die Gelegenheit, die Strecken gut anzuschauen.

 

Freitag, 1.Juli 2022, 1.Etappe – 54KM / 980HM

 

Am Freitag um 13 Uhr fällt in der Fussgängerzone in St. Moritz der Startschuss zur ersten Etappe. Es ist drückend warm und die Sonne scheint, doch für den Nachmittag sind Gewitter gemeldet. Dies bereitet mir ein wenig Sorgen, denn ich hatte in der Vergangenheit nicht so gute Erfahrungen mit Regenrennen und besonders mit der Kälte bei solchen Rennen gemacht. Doch als der Startschuss fällt ist das alles erstmal kein Thema.

Zu Beginn der Etappe führt die Strecke über breite Kiesstrassen nach Pontresina. Das Tempo ist tief und so fällt es mir leicht, eine gute Position weit vorne im Feld einzunehmen. Vor Pontresina fahre ich ein erstes Mal nach vorne, denn es folgt ein erster kurzer Anstieg und wie erwartet wird ein erstes Mal schnell gefahren. Fortan kann ich immer eine der ersten fünf Positionen halten und komme so auch nicht in Bedrängnis, als es auf dem Weg in Richtung Morteratsch zu einer weiteren Tempoverschärfung kommt. Doch der Wind bläst uns vom Bernina runter entgegen und so möchte niemand zu lange vorne fahren. So kommt es, dass eine grosse Spitzengruppe auf die erste Verpflegung beim Morteratsch Parkplatz zufährt. Ich beschliesse, ganz noch vorne zu fahren. So habe ich eine gute Übersicht und keine Probleme in der Verpflegungszone und kann zudem als erster in den Trailanstieg. Da versuche ich mit einer Tempoerhöhung, die Gruppe zu verkleinern. Das gelingt mir. Als wir die Fläche vor Diavolezza erreichen sind es nur noch die beiden Canyon-Fahrer Seewald und Vakoc, der deutsche Weber und der Italiener Samparisi, die mein Tempo mitgehen konnten. Die Gruppe harmoniert zunächst gut und wir können die Verfolger auf Distanz halten. Später schaffen es Alberti und Cherchi aber nochmals, zur Gruppe aufzuschliessen. Noch vor dem Lago Bianco ist es der Weltmeister, der mehrmals das Tempo erhöht. Ich kann aber jede Tempoverschärfung mitgehen, auch dann, als dies nur noch dem mehrfachen Bikegiro Sieger Sascha Weber gelingt. Das Tempo bricht aber immer wieder zusammen, da der Wind immer noch von vorne kommt. So ändert sich an der Gruppenkonstellation bis zum Wendepunkt am Ende des Lago Bianco nichts. Da ist es dann Weber, der mal aufs Tempo drückt und mit dem nun einsetzenden Rückenwind wird es umso härter, da man nicht mehr so viel vom Windschatten des Vordermanns hat. Ich muss mal kurz etwas abreissen lassen, doch schaffe es im Anstieg vom Bahnhof Bernina Hospiz zum Berninapass nochmals ranzukommen. Noch immer ist es trocken doch wir fahren inzwischen auf eine schwarze Regenwand zu.

Nach dem Berninapass wird es nochmals steil und ich muss die inzwischen vierköpfige Spitze (Seewald, Samparisi, Weber, Vakoc) erneut etwas ziehen lassen. Erst als an einer sehr steilen Stelle alle Fahrer vom Bike steigen müssen, kann ich als einziger hochfahren und dabei den Kontakt zur Spitze wieder herstellen und dann kurz später auch mit einem sehr kleinen Rückstand in die Abfahrt runter nach Lagalb fahren. Mit dem einsetzenden Regen fällt mit Vakoc bereits der erste Fahrer wegen einem Defekt zurück. Wenig später kann ich auch die Lücke zu Sascha Weber schliessen, der ebenfalls einen Defekt hat. Als dritter passiere ich die Talstation Lagalb und fahren nun allein wieder in Richtung Pontresina. Sascha Weber kann aber bei Morteratsch nochmals zu mir aufschliessen und so fahren wir gemeinsam bis Pontresina. Kurz nach Pontresina muss ich ihn aber ziehen lassen und fahre fortan alleine aber immer noch in Sichtweite hinter dem Drittplatzierten. Im Aufstieg zur Alp Staz versuche ich nochmals, ein konstant hohes Tempo zu fahren, kann aber keine weiteren Plätze gutmachen. So erreiche ich das Ziel in St. Moritz Bad als vierter zwar knapp neben dem Podest aber trotzdem sehr zufrieden. Mit gut 3 Minuten Rückstand auf den Leader Seewald werde ich am Samstag auf die Königsetappe starten.

 

Samstag, 2.Juli 2022, 2.Etappe – 62KM/2120HM

 

Heute erfolgt der Start bei bestem Wetter in Celerina. Mein Gefühl vor dem Start ist nicht so gut, aber das ist häufig so am zweiten Tag eines Etappenrennens. Zu Beginn geht es mehrheitlich flach nach Bever und es wird noch nicht wirklich schnell gefahren. Das hat aber zur Folge, dass mehr Fahrer um die ersten Positionen fahren und man wach sein muss, dass man nicht auf einmal zu weit hinten ist. Vor Bever setze ich mich dann mal ganz an die Spitze, um gut um die Hausecken zu kommen und die Verpflegung nach Bever gut zu erwischen. Anschliessend im Val Bever wird das Tempo von einigen Fahrern etwas erhöht und im steilen Stück nach Spinas ist es der Tscheche Vakoc, der eine Lücke rausfährt. Ich versuche das Loch zuzufahren, was mir aber nicht ganz gelingt. Direkt hinter mir sind aber nur Seewald und Samparisi, die anderen Fahrer konnten wir ein wenig distanzieren. Doch weder Seewald noch Samparisi möchten schnell fahren und so liegt es an mir, das Tempo hochzuhalten. Doch auch ich möchte nicht die gesamte Arbeit allein absolvieren und so fahr ich zwar weiterhin von vorne aber nicht mehr besonders schnell. Dies hat zur Folge, dass die Gruppe wieder grösser wird. Trotzdem möchte ich versuchen, als erster aus der Verfolgergruppe in den Trailanstieg zum Suvrettapass zu fahren. Konnte ich vor einer Woche im Training noch alles hochfahren, muss ich heute einige Male vom Bike steigen und schieben. Es geht aber auch den anderen in der Gruppe so. Trotzdem verliere ich irgendwann den Anschluss und bekomme dazu noch etwas Probleme mit meinem Magen. Fortan versuche ich den Rückstand auf die Fahrer vor mir so klein wie möglich zu halten und gleichzeitig so zufahren, dass sich mein Magen etwas erholt. So kämpfe ich mich auf Position sieben liegend den Suvrettapass hoch. In der Abfahrt zur Corviglia und im Trail nach Marguns kann ich mich etwas erholen und ich weiss, dass nun noch ein sehr harter Anstieg über den Lej Alv und die Chammanna Saluver hoch nach Trais Fluors folgt. Doch in den ersten Metern im Anstieg springt meine Kette und ich steige ein erstes Mal vom Bike, um herauszufinden, wo das Problem liegt. Doch ich kann das Problem nicht ausmachen und fahre weiter. Immer wieder springt meine Kette und es ist im steilen Anstieg nicht möglich, ein hohes Tempo zufahren. So verliere ich bis Trais Fluors drei weitere Positionen und vor allem die Motivation. Ich fahre mal die lange Abfahrt bis Samedan runter und schaue dort in der Techzone, was genau das Problem ist. In der Abfahrt kann ich bereits einen Rang gutmachen und komme auch sonst ganz gut zurecht. Besonders die Singletrail-Abfahrt von der Alp Muntatsch nach Samedan liegt mir ziemlich gut, denn die hatte ich auch einige Male besichtigt. Das Problem mit der Schaltung ist ebenfalls besser geworden. – Erst nach dem Rennen wurde das Problem klar: ich muss in der Abfahrt einen Zahn des Kettenblatts leicht verbogen haben, was dann in den ganz leichten Gängen das Springen der Kette auslöste. In den tieferen Gängen war es aber kein Problem, weil da die Kettenlinien gerader ist. So versuchte ich auf den letzten Kilometern nochmals den Schaden in Grenzen zu halten und konnte nochmals einen Rang gut machen. Als 8. erreiche ich das Ziel, verliere mit 22 Minuten aber viel zu viel Zeit. Enttäuscht, dass heute nicht alles gepasst hat, versuche ich mich nochmals möglichst gut für die morgige letzte Etappe zu erholen. Die Ausgangslage für die Gesamtwertung ist schwierig. Ich müsste über 10 Minuten auf den deutschen Matthias Alberti rausfahren, um noch auf den 5. Rang vorzufahren. Aber in solchen Rennen ist alles möglich.

 

Sonntag, 3.Juli, 3. Etappe -59KM/1810HM

 

Gut gelaunt und mit wesentlich besseren Beinen geht es am Sonntag in Silvaplana an den Start. Zu Beginn ist es flach, doch es folgt ein kürzerer Anstieg, bevor es nochmals länger flach ist. Mein Ziel ist es auf jeden Fall in diesem ersten Anstieg noch mit dabei zu sein. Dies gelingt mir trotz hohem Tempo und so können wir uns zu acht an der Spitze etwas absetzen. Später fahren Seewald und Weber etwas weg und so befinde ich mich nun in einer Gruppe mit den zwei italienischen Teamkollegen Cherchi und Samparisi und dem Tschechen Vakoc. Samparisi sorgt sich um seinen zweiten Gesamtrang und fordert den Rest der Gruppe auf, für ihn zu fahren. Doch ausser seinem Teamkollegen Cherchi folgt keiner dem Aufruf und so fahren wir zu viert bis Champfer. Dort beginnt die längste Steigung des Tages über Salastrains und Marguns bis zum Munt da San Murezzan, mit drei kurzen Zwischenabfahrten. Das Tempo der Gruppe ist mir zu Beginn aber zu hoch und so fahre ich meinen eigenen Rhythmus. Noch vor Marguns kann ich Cherchi wieder einholen. Auch die anderen Fahrer bleiben in Sichtweite. Mit einem guten Rhythmus erreiche ich den Lej Alv als fünften, jedoch immer noch mit Cherchi im Schlepptau. In der kurzen Abfahrt nach Corviglia kann ich ihn aber etwas distanzieren. Eine kleine Unkonzentriertheit endet aber in einem Sturz von mir. Schnell kontrolliere ich, ob alles noch ganz ist – an mir und an meinem Bike. Dies scheint der Fall zu sein und so fahre ich weiter und kann schon bald wieder zu Cherchi aufschliessen. Etwas eingeschüchtert von meinem Fahrfehler fahre ich die folgende Abfahrt etwas verhaltener. Erst im Fopettas-Flowtrail gelingt es mir, Cherchi erneut etwas zu distanzieren. Den fünften Tagesrang möchte ich mir sichern und lege mir dafür eine Taktik zurecht. Ich lasse Cherchi das Loch nochmals zufahren, sodass wird das kurze Flachstück bei Champfer gemeinsam absolvieren und attackiere nachher im Anstieg zur Crest’ Alta. Wenn ich oben eine kleine Lücke habe, kann Cherchi meine Linie im technisch anspruchsvollen Trail nicht nachfahren. Ich kann diesen Plan optimal umsetzen und fahre mit einem Vorsprung von etwa 40 Sekunden in den letzten Anstieg. Es folgt noch eine schwierige Abfahrt. Ich versuche, nicht zu viel zu überlegen, um die Abfahrt möglichst sicher runterzubringen. An einer Stelle, die ich gefühlt schon zehn Mal so gefahren bin, bleibt mein Vorderrad an einem Stein hängen und es überschlägt mich in einen Baum. Ich spüre Schmerzen in meiner Hand und an meinem Knie. Doch viel schlimmer noch, ich höre ein lautes «Pffffffffttt». Mein Hinterrad verliert Luft. Ich suche das Loch, um es zu Plugen. Doch ich finde keins. Ich höre Cherchi bereits heranfahren, als ich merke, dass eine Speiche gebrochen ist und sich diese aus der Felge gelöst hat. Aus diesem Loch ist inzwischen die ganze Luft entwichen. Unwissend, wie ich diesen Defekt beheben soll, renne ich den Trail hinunter bis nach St. Moritz. Nun sind es noch rund 3 Kilometer vorwiegend auf Kiesstrassen. Ich entscheide mich, das Rennen auf der Felge zu Ende zu fahren. Und dann werde ich rund 500 Meter vor dem Ziel noch von Alberti überholt und falle auf den siebten Rang zurück. Im Gesamtklassement bleibt jedoch alles beim Alten und so beende ich ein durchzogenes Renne auf dem doch noch guten sechsten Rang.

 

Rückblickend bin ich besonders mit meiner Leistung in den Aufstiegen zufrieden. Ich konnte am Freitag das Rennen aktiv mitgestalten und selbst Attacken vom Weltmeister standhalten. Auch am Sonntag verlor ich in den Anstiegen nur wenig Zeit. Die Abfahrten sind zurzeit noch meine Baustelle, auch wenn es bereits einiges besser lief als auch schon diese Saison. Daran werde ich in den nächsten Wochen arbeiten. Nun folgt eine wettkampffreie Zeit, die ich für den Aufbau für die zweite Saisonhälfte und für das Schreiben meiner Bachelorarbeit verwenden werde. 


18.06.2022

Hero Dolomites

Die Erinnerungen an meine letzte Teilnahme am "härtesten Marathonrennen der Alpen" könnten besser sein. Mit Müh und Not kämpfte ich mich vor einem Jahr nach einem Asthmaanfall ins Ziel und allein beim Gedanken an die unglaublich steilen Anstiege schmerzen meine Beine. Dementsprechend war mein Respekt vor diesem Rennen. Nichtsdestotrotz wusste ich, dass meine Form stimmt und mit dem Sieg vor sechs Tagen konnte ich eine gute Portion Selbstvertrauen mitnehmen. Mit diesen Voraussetzungen reisten wir am Donnerstag nach Wolkenstein im Grödnertal, wo am Samstag um 7:20 der Startschuss zu den 86 KM und 4500 Höhenmetern fällt.

 

Es geht direkt in den ersten Anstieg und das Tempo an der Spitze des Rennens ist sehr hoch. Ich habe mir vor dem Rennen vorgenommen, nie komplett ans Limit zu gehen und meinen eigenen Rhythmus zu fahren. Das Rennen ist so hart, dass ich ein Überpacen zu Beginn unbedingt verhindern wollte. So lasse ich die Fahrer an der Spitze ziehen und erreiche den ersten Berg nach rund 700 Höhenmeter als 13. In der darauffolgenden Kies-Abfahrt werde ich von zwei Fahrern des italienischen Soudal-Lecougan Teams überholt. Jedoch kamen die zwei nicht auf der Kiesstrasse angefahren, sondern schossen einfach gerade die Wiese hinunter. Als ich wenig später im Singletrail hinter zwei Frauen herfahre, welche 10 Minuten vor den Elite Männern gestartet sind, sticht auf einmal ein anderer Italiener von einer Kiesstrasse in den Trail. Auch er muss irgendwo eine Abkürzung gefunden haben. Ziemlich verärgert von diesen Unsportlichkeiten der anderen Fahrer versuche ich, meine Wut im zweiten Anstieg in positive Energie umzuwandeln. Es gelingt mir im Anstieg zwar, die Lücke zu ein paar Fahrern wieder zu schliessen, als diese aber im oberen Teil des Anstiegs das Tempo erhöhen, fahre ich bewusst nicht mit, um nicht zu überdrehen.

 

So versuche ich weiter meinen Rhythmus zu fahren, was mir aber nie so richtig gelingt. Ich fahre ständig mit leicht angezogener Handbremse und fühle mich zudem in den teils sehr schnellen Abfahrten nicht richtig wohl. Am dritten und längsten Anstieg muss ich dann auch richtig auf die Zähne beissen, komme aber irgendwie doch nicht so schlecht berghoch. Nach einer kurzen Abfahrt zur Passstrasse vom Passo Pordoi kann ich im Anstieg zum Pordoi sogar eine Lücke zu zwei anderen Fahrern aufreissen. Leider verpasse ich in der darauffolgenden Abfahrt einen Abzweiger. Ich bemerke meinen Fehler erst, als ich vor einer Skihütte stehe und die anderen zwei Fahrer mir von weiter oben zurufen. Da sehe ich dann auch der Streckenposten, der gerade daran war, ein Absperrgitter dorthin zu tragen, wo ich falsch gefahren bin. Also muss ich ein Stück berghoch zurückfahren, um wieder auf die Strecke zu kommen. Es scheint nicht so ganz mein Tag zu sein heute. Ich fahre die Abfahrt weiter nach Canazei und treffe dabei einen der Fahrer an, welcher zuvor abgekürzt hatte. Diesmal mit seinem Bike und einer kaputten Felge in der Hand. "Karma" denke ich mir und bin dadurch irgendwie wieder etwas motivierter. Nun steht der letzte lange Anstieg des Tages an. Ich versuche einfach, meinen Rang zu halten, ohne überhaupt zu wissen, wievielter ich inzwischen bin. Den Duronpass kämpfe ich mich irgendwie hoch und versuche mich auf der darauffolgenden Abfahrt zu erholen, denn es stehen noch rund 15 Kilometer und ein paar Gegensteigungen an. Ich werde noch von Fahrern überholt, kann aber auch noch Ränge gut machen. An der allerletzten Gegensteigung schiessen nochmals drei Fahrer von hinten heran. Ich versuche, mit denen mitzufahren, muss aber irgendwann abreissen lassen. So erreiche ich das Ziel als 21. in einer Zeit von 5:06:53 und schwöre mir, dieses Rennen nie mehr zu fahren. Natürlich werde ich es doch tun.

 

Ich bin nicht wirklich zufrieden, denn irgendwie bin ich das gesamte Rennen zu zurückhaltend gefahren. Immerhin konnte ich mich mit dem Rennen versöhnen und ich bin nicht komplett eingegangen. Zudem habe ich wieder viel gelernt und weiss, woran ich arbeiten muss.

 

In zwei Wochen steht mein erstes Saisonhighlight, der Engadin Bike Giro an. Zuversichtlich und motiviert werde ich die nächsten Tage zuhause im Engadin verbringen, um mich optimal auf das Rennen vorzubereiten - und dabei an meiner Bachelorarbeit zuschreiben.

 

Rennen

Rangliste


12.06.2022

Alpenchallenge Lenzerheide

Als Mountainbiker trainiere ich sehr viele Stunden auf dem Rennrad. So ist es naheliegend, ab und zu auch mal an einem Strassenrennen teilzunehmen. Dies habe ich in Vergangenheit immer wieder mal gemacht und mir für dieses Jahr die Alpenchallenge ausgesucht. Da ich nur sechs Tage darauf am Hero Dolomites, dem «härtesten Marathon der Welt», teilnehme, entschied ich mich für die kurze Strecke über 117 Kilometer und knapp 3000 Höhenmetern. Ich bin das Rennen vor drei Jahren bereits gefahren und wurde damals Zweiter. Ich wusste also, dass ich wahrscheinlich auch in diesem Jahr ein Wörtchen um den Sieg mitreden kann.

 

Mein Tag startet heute sehr früh. Ich erwache um 3:30 in meiner WG in Chur, als einige Feierlustige ziemlich laut vom Ausgang nachhause gehen. Da der Wecker sowieso um 4 Uhr klingelt, liege ich noch ein wenig im Bett und überlege mir meinen Plan für das Rennen nochmal. Am Bergünerstei werde ich das Tempo erhöhen und die Gruppe sprengen, danach mit einer kleinen Spitzengruppe über den Albula und Julier bis nach Cunters fahren und dann im Anstieg nach Mon attackieren. Der Plan scheint gut zu sein, aber es kommt ja eh immer anders, als man denkt. So drehe ich mich nochmals im Bett um und schliesse die Augen bis zum Weckerläuten.

 

Um 7 Uhr fällt der Startschuss in der Biathlonarena auf der Lenzerheide. Bei noch tiefen Temperaturen geht es erstmals bergab bis Tiefencastel. In der ersten Gegensteigung fahren bereits ein paar Fahrer weg. «Gut» denke ich mir «dann kann ich vor Bergün versuchen, die Lücke zu diesen Fahrern zu schliessen». So bleibe ich also aufmerksam im Feld versteckt und warte ab. Das Tempo ist sehr tief und es versuchen immer wieder mal Fahrer, etwas wegzufahren. Nach rund 20 Kilometer nähern wir uns dem Bergünerstei, das erste steilere Stück nach Filisur. Ich atme tief durch, schalte drei Gänge hoch und sprinte aus dem Feld. Es ist eine herzhafte Attacke, keine «Tempoverschärfung» wie ich es geplant habe. Nach rund einer halben Minute schaue ich ein erstes Mal zurück. Nur noch ein Fahrer ist an meinem Hinterrad, während wir einen der Ausreisser bereits stellen können. Ich drücke weiter schön in die Pedale und so muss der Verfolger auch bald ein wenig abreissen lassen. Ich habe zwar keine Leistungsdaten, da mein Powermeter keine Batterie mehr hat, aber ich weiss, dass ich gut unterwegs bin, denn ich musste gerade nicht ans Limit gehen, um alle Fahrer loszuwerden. Ein Fahrer ist aber noch vor mir. Nach Bergün kann ich aber die Lücke zum Ersten schliessen und hoffe, dass dieser stark genug ist, um mit mir mitzufahren. Das Stück von La Punt nach Silvaplana ist lang und auch am Julierpass muss ich alleine viel mehr Kraft aufwenden als in einer kleinen Gruppe. Doch dieser Fahrer muss auch bald abreissen lassen und so entscheide ich mich definitiv dafür, die Flucht durchzuziehen und fortan am Albulapass so viel Zeit wie möglich herauszufahren. Ich kann einen guten Rhythmus fahren, ohne zu überpacen und fühle mich richtig gut. Der Rennleiter gibt mir immer wieder den Vorsprung durch. Erst zwei, dann drei und dann fast vier Minuten auf das immer kleiner werdende Feld. Ich erreiche den Albulapass mit einem schönen Vorsprung, doch das Rennen ist noch lang. Meine grösste Sorge im Moment ist aber der Bahnübergang in La Punt. Den ersten Teil der Abfahrt meistere ich gut, bevor ich eine heftige Niesattacke bekomme. Ich muss etwa zehn Mal niessen und dabei ziemlich abbremsen, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Irgendwie muss ich aber über diese Komik fast ein wenig lachen und was auch immer meine Nase kitzelte, hörte so schnell auf wie es gekommen ist. Und als die Barriere am Bahnübergang in La Punt – wie ich später erfahre - nur 20 Sekunden nach mir zu geht, bin ich erstmals beruhigt. Nun auf der Fläche einfach das Tempo hochhalten, aber dabei nicht übertreiben und gut verpflegen. Ich fahre konstant über 40 Km/h aber bin mir sicher, dass das Feld hinter mir schneller sein wird. In St. Moritz beträgt mein Vorsprung auf das Feld immer noch über drei Minuten. Doch so langsam spüre ich meine Beine. Ich fahre von Kreisverkehr zu Kreisverkehr, weil man da immer mal ein Moment die Beine hängen lassen kann und bin froh, als ich Silvaplana und somit den Beginn des Julierpasses erreiche. Am Julierpass bläst dann ein schöner Gegenwind und ich hoffe, dass dieser nicht auch in der Abfahrt weht, sonst wird es ganz hart. Als mich Luca fast auf der Passhöhe verpflegt, ist mein Vorsprung auf knapp vier Minuten angestiegen. Erst als ich schon einige Kilometer in der Abfahrt bin, erklärt mir der Rennleiter, dass die vier Minuten der Vorsprung auf den Verfolger waren, der inzwischen gestellt wurde, und dass das Feld fast sieben Minuten hinter mir liegt. Da realisiere ich, dass das auf jeden Fall reichen muss, wenn ich keinen Defekt einfahre oder komplett explodiere. Und trotzdem fahre ich so schnell es geht weiter, denn man weiss ja irgendwie doch nie. Erst als ich die Baustelle vor Mon sicher passiert habe und in Tiefencastel in den Schlussaufstieg einbiege weiss ich, dass mich heute wohl keiner mehr schlagen wird. Beflügelt nehme ich die letzten gut 5 Kilometer Anstieg hoch auf die Lenzerheide in Angriff. Die letzten Meter kann ich geniessen und meinen ersten Sieg bei einem Massenstartrennen seit 2019 feiern.

 

 

Natürlich ist das Resultat und der Vorsprung von fast sieben Minuten toll, aber ich bin vor allem stolz darauf, dass ich trotz Ausfall der Leistungsmessung ein sehr konstantes Rennen gefahren bin, meine Kräfte gut einteilen und meinen Plan umsetzen konnte. Das gibt mir viel Selbstvertrauen für die kommenden Rennen. 

 

Rennen

Rangliste


04.06.2022

Ortler Bikemarathon

Seit dem letzten Rennen vergingen sechs Wochen. Zeit, die ich für meine Bachelorarbeit, aber auch für einen umfangreichen Trainingsblock genutzt habe. Komplett rennfrei blieb die Zeit aber doch nicht: beim Bergklassiker Silenen-Bristen testete ich meine Form und wurde guter Siebter. Doch mein Fokus lag auf dem anstehenden Rennblock. So werde ich innert 15 Tagen drei Rennen bestreiten. Den Beginn macht der Ortler Bikemarathon im Vinschgau. Die letzten zwei Ausgaben des Ortler Bikemarathons fielen Corona zum Opfer. Umso grösser ist meine Vorfreude auf die neue 111 Kilometer lange Strecke mit ca. 3800 Höhenmetern.

 

Der Startschuss fällt um 8 Uhr in Graun am Reschensee. Die ersten Kilometer sind leicht kupiert und das Tempo zu Beginn moderat, sodass ich ohne grosse Mühe mitfahren kann. Trotz der Überschneidung mit dem World Series Rennen in Jelenia Gora sind besonders die italienischen Marathonteams mit namhaften Fahrern vertreten. Am ersten etwas längeren Anstieg formiert sich dann auch eine grössere Spitzengruppe mit rund 20 Fahrern, zu denen ich auch dazugehöre. Die Gruppe wird vor der Abfahrt nach Schlanders ein wenig auseinandergezogen. Im darauffolgenden Flachstück bis Burgeis läuft aber alles wieder zusammen. Nun folgt ein längerer Anstieg und ich fahre von Beginn weg mein Tempo. Da wir inzwischen auf Amateurfahrer der kürzeren Strecken aufgefahren sind, ist die Rennsituation etwas unübersichtlich. Ich kann am Ende des Anstiegs die Lücke zu zwei anderen Fahrern schliessen, verliere dann aber in einer Trailpassage etwas Zeit beim Überholen von eben solchen Amateurfahrern und verliere so auch die zwei anderen Fahrer wieder. Was mich aber vielmehr beunruhigt ist, dass sich mein Magen gegen mein Sportgetränk zu wehren beginnt. Es ist immer ein schmaler Grad zwischen genug und zu viel Kohlenhydraten zu sich zu nehmen. Ich versuche fortan immer wieder, in kleinen Mengen zu trinken und meinen Magen in den offiziellen Verpflegungsstationen mit Wasser zu beruhigen. Nach rund 65 Kilometern folgt ein weiterer längerer Anstieg, den ich versuche, möglichst gleichmässig hochzufahren. Gegen Ende des Anstiegs kann ich zwei Fahrer vor mir ausmachen. Einen davon kann ich ein- und sofort überholen. Ich versuche, die Lücke zum anderen Fahrer noch vor Ende des Anstiegs zu schliessen, damit ich im nachfolgenden kurzen Flachstück von seinem Windschatten profitieren kann. Das geht perfekt auf und als es nach einem schönen Trail nochmals ein paar Höhenmeter berghoch geht, kann ich auch diesen Fahrer distanzieren. Noch vor der Abfahrt nach Nauders gelingt es mir, einen weiteren Fahrer zu stellen. Die Magenbeschwerden haben inzwischen nachgelassen und ich realisiere, dass wohl noch der eine oder andere Fahrer vor mir etwas eingehen könnte. Die letzte Verpflegung in Nauders passiere ich als 15. mit rund drei Minuten Rückstand auf die nächsten Fahrer vor mir. Der letzte Anstieg des Tages steht an mit nochmals rund 700 Höhenmetern. Ich kann weiterhin ein konstantes Tempo fahren und bereits nach etwa der Hälfte des Anstiegs einen Rang gut machen. Wenig später steht ein anderer Fahrer am Streckenrand, der anscheinend auch gerade seine Magenprobleme losgeworden ist. Gegen Ende des Anstiegs mache ich vor mir zwei Fahrer aus. Es scheint, als käme ich auch denen näher. Aber auch von hinten nähert sich ein Fahrer. Ich versuche einfach, mein Tempo durchzuziehen und mich nach vorn zu orientieren. In der längeren Kiesabfahrt werde ich aber trotzdem noch überholt und verliere somit nochmals einen Rang. Da ich in der schnellen Abfahrt nicht dasselbe Risiko eingehen kann und will, werde ich von dem Fahrer sogar noch etwas distanziert. Also konzentriere ich mich darauf, den 14.Rang einzufahren, überhole zu meinem Erstaunen auf den letzten flachen Kilometern doch noch einen Fahrer und erreiche das Ziel als 13. nach etwas über 5 Stunden Rennzeit.

 

Erschöpft, aber zufrieden kann ich mich über das Resultat freuen. Es lief zwar noch nicht alles perfekt, aber ich konnte mein Tempo in den Anstiegen über die gesamte Renndauer hochhalten und so gegen Ende noch einige Ränge gutmachen. Ich habe im Rennen die richtigen Entscheidungen getroffen und so meine Krisen überwältigen können. Die Form scheint zu stimmen, gleichzeitig ist aber auch noch bisschen Luft nach oben – genau wie ich mir das im Idealfall vorgestellt habe.

Bereits am kommenden Sonntag steht mit der Alpenchallenge ein Radmarathon (Strasse) auf dem Programm. Mit grossen Ambitionen und viel Selbstvertrauen werde ich die kurze Strecke über den Albula- und Julierpass unter die Räder nehmen.

 

Vielen Dank an meine Eltern und an Ylaria sowie an Rolf und Daniela Beeli für den Support vor Ort.

 

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23.04.2022

4 Islands Stage Race

Schon länger habe ich dieses spezielle Rennen in Kroatien auf dem Schirm gehabt. Fünf Tage auf vier verschiedenen Inseln mit Starts direkt von der Fähre und einer einzigartigen Atmosphäre. Das Rennen gehört dieses Jahr zur UCI Marathon Series, dem Marathon "Weltcup". So war für mich klar, dass ich das Rennen fahren möchte. Da es sich auch wieder um ein Partnerrennen handelt, suchte ich mir einen Kumpanen für das Rennen und wurde mit Andrin Beeli fündig. Wir kennen uns schon seit einigen Jahren und waren auch schon öfters zusammen in Trainingslager. 

Das Abenteuer Kroatien startete für uns bereits 10 Tage vor dem Rennen mit etwas Training, Streckenbesichtigung und Familienurlaub. So waren wir dann am Dienstag 19. April bereit, als es in Baska mit dem Prolog los ging.

 

Dienstag, 19. April - Prolog, 13 KM / 300 HM

Kurz und knackig soll der Prolog sein. Steile Rampen, technische Passagen und ein schnelles Finish stehen auf dem Programm. Mit einer Rennzeit von weniger als 30 Minuten ist das definitiv mehr etwas für Andrin, der sich die letzten 15 Jahre auf genau solch schnelle Sachen konzentriert hat. Dementsprechend muss ich von der ersten Minute an ziemlich leiden, um überhaupt an Andrins Hinterrad zu bleiben. Wir kommen aber gut und sicher über die 13 Kilometer lange Strecke und können uns mit 1:47 Rückstand auf die Spitze auf dem guten 7. Rang klassieren. Mit dem Resultat können wir in einem gut besetzen Feld auf jeden Fall zufrieden sein. Ich freue mich aber auf die nächsten Tage, die mir etwas besser liegen sollten. 

 

Mittwoch, 20. April - Stage 1, 71 KM / 1750 HM

Die heutigen  71 harten und stellenweise technisch anspruchsvolle Kilometer konnten wir vor dem Rennen komplett abfahren. Demnach wissen wir, was auf uns zukommt und sollten das Rennen dementsprechend einteilen können. Am 400 Höhenmeter langen Startaufstieg müssen wir nur vier Teams ziehen lassen und können uns in der ersten Verfolgergruppe einreihen. Ich muss da aber schon ziemlich ans Limit gehen und verstecke mich in den darauf folgenden schnelleren Abschnitten in der Gruppe. Andrin hingegen fühlt sich sehr stark und führt viel an der Spitze. Kurz vor der ersten Feedzone muss ich aber das Tempo etwas drosseln und die anderen Teams fahren lassen. Jedoch können wir zwei von den Teams bereits in einer längeren Abfahrt wieder einholen, während von hinten zwei weitere Teams heranrollen. In dieser Konstellation absolvieren wir den intensiven und schnellen Mittelteil der Etappe. Auch hier kann Andrin sehr viel an der Spitze fahren. Er fährt im crosscountry-mässigen Terrain stellenweise so schnell, dass ich kaum nachkomme. Dies führt aber auch dazu, dass wir uns  mit einem anderen Team etwas absetzen können und zwischenzeitlich Rang 5 belegen. Nun geht es in den letzten Berg. Leider muss Andrin aber für seine Tempoarbeit büssen und bricht auf den letzten 10 Kilometern bergab zurück nach Baška komplett ein. Meine Bemühungen, den Vorsprung auf die Teams hinter uns ins Ziel zu retten, bringen leider nichts mehr: wir fallen auf den letzten Kilometern noch bis auf Rang 10 zurück. Im Gesamtklassement können wir den 7. Rang halten. Es ist aber ohnehin noch alles ganz nah zusammen. Nichtsdestotrotz ist die Enttäuschung bei mir in den ersten Minuten nach dem Rennen spürbar. Es bleiben aber noch drei Tage, um zu zeigen, zu was wir fähig sind. 

 

Donnerstag, 21. April - Stage 2, 76 KM / 1250 HM

Die heutige Etappe ist etwas komplett anderes als gestern : kurze Anstiege, schnelle Schotterabfahrten und ein sehr taktischer Rennverlauf. Ich werde in der schnellen Startphase etwas abgedrängt und muss dabei in einen kleinen Busch ausweichen. Dabei verfängt sich ein Ast in meinem Antrieb und ich muss vom Bike steigen, um den Ast zu entfernen. Dabei verlieren zwar nicht viel Zeit aber einige wertvolle Positionen. Wenig später kommt es zum Stillstand und alle Fahrer müssen ein Stück zu Fuss absolvieren. Ein Fahrer drängt sich dabei an Andrin und mir vorbei - was an sich schon ein "No Go" ist. In der darauffolgenden Abfahrt lässt er eine Lücke zur Gruppe aufreissen und macht uns dabei keinen Platz zum Überholen - trotz unserer lautstarken Bemerkungen und Aufforderungen, uns vorbeizulassen. Mit  waghalsigen Manövern kommen wir trotzdem vorbei, müssen aber 10 Minuten lang eine Lücke gegen die grosse Spitzengruppe zufahren. Von da an können wir uns in einer grossen Gruppe halten, es bleibt aber das ganze Rennen lang hektisch. Der "Handorgeleffekt" lässt die Gruppe immer wieder auseinanderziehen und wir müssen stetig wieder voll in die Pedale treten, um den Anschluss zu halten.  Das Rennen gleicht einem Strassenrennen. Irgendwann wird es mir zu schnell und wir müssen eine grössere Gruppe ziehen lassen. Der Effort zu Beginn des Rennens und das andauernde Sprinten hat doch Spuren hinterlassen. Trotzdem fahren wir noch mehr oder weniger gut ins Ziel und werden 12. , fallen im Gesamtklassement aber auf Rang 10 zurück. Es ist aber noch alles offen, denn Rang 5 und 10 trennen nicht mal 2 Minuten.

Es war wieder eine lehrreiche Etappe. Wir hätten zu Beginn noch aktiver um die Positionen kämpfen müssen, dann wäre solch ein Vorfall wohlmöglich zu verhindern gewesen.

 

Freitag, 22. April - Stage 3, 72 KM / 1690 HM

Heute soll einer dieser "epischen" Tage werden, an denen alles passieren kann. Am Start in Merag schüttet es wie aus Eimern und das soll auch noch für einige Zeit so bleiben. Gleich zu Beginn geht's ziemlich steil Berg hoch und es wird ein hohes Tempo angeschlagen. Bald löst sich eine Gruppe mit den vier Besten Teams in der Gesamtwertung - und uns! Doch weil keiner der Topfahrer einen Sturz auf den schmierig nassen Steinen riskieren will, kommt es nach rund 15 Kilometer nochmals zum Zusammenschluss. Wir fahren bei der ersten Feedzone zu weit hinten in der Gruppe in die Zone und verlieren mit Anhalten den Anschluss nach ganz vorne. Erst am höchsten Punkt schaffen wir es, nochmals auf rund 30 Sekunden an die Podestplätze ranzufahren. Bis dahin läuft das Rennen ganz gut für uns. Doch in der technischen Abfahrt habe ich Mühe, mit den anderen Fahrern mitzufahren und ich verliere mehrmals die Kontrolle über mein Bike. Wir verlieren einige Positionen und ich versuche, trotzdem nicht nervös zu werden - was mir nicht wirklich gelingt. Es ist was komplett anderes, wenn man weiss, dass der Teampartner viel schneller fahren könnte und ich selbst der Bremsklotz bin - es gelingt mir auch nicht wirklich diese Situation auszublenden. Irgendwann passiert es: mein Vorderrad rutscht im Singletrail auf einer Steinplatte weg und ich knalle ungebremst auf den Boden. Mein Bike und ich - beide vom Sturz gezeichnet - bleiben aber auf den ersten Blick unversehrt. Später bemerke ich aber, dass meine Reaktionsschnelligkeit und meine Konzentration etwas nachgelassen haben. Ob das mit dem Sturz zusammenhängt, ist aber schwer zu sagen. Irgendwie schaffen Andrin und ich aber die letzten rund 15 Kilometer ins Ziel und werden 10.

 

Die Enttäuschung im Ziel ist riesig, wir hätten heute wirklich die Chance auf eine Top-Platzierung gehabt. Ich bin aber soweit körperlich unversehrt und werde die morgige letzte Etappe in Angriff nehmen können. Mental war es aber ein sehr schwieriges Rennen und es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis ich mich davon erholen werde. Ich darf aber vor Ort auf eine Top-Unterstützung zählen, was in solchen Momenten unglaublich viel Wert ist.

 

Samstag, 23. April - Stage 4, 40 KM / 900 HM

Auf der Insel Lošinj findet die letzte Etappe statt. Mit 40 Kilometer und 900 Höhenmeter ist die Strecke zwar kurz, dafür wird von Anfang an brutal schnell gefahren und ich bin wieder richtig am Limit. Andrin ist sich die schnellen Starts von den Crosscountry-Rennen gewohnt, was es für mich noch härter macht. Dass ich schon wieder am Limit fahre, daran sollte sich bis zur Zieleinfahrt nicht mehr viel ändern. In der ersten längeren Abfahrt holt sich Andrin einen Platten, den wir aber schnell reparieren können. Trotzdem verlieren wir etwas Zeit und auch ein paar Positionen. So folgt eine Aufholjagd und wir önnen nochmals ein paar Plätze gut machen. Gegen Ende der Etappe können wir nochmals ein Team einholen, mit dem wir Richtung Zielgerade fahren. Wir versuchen zwar noch, unsere Gegner bei den kurzen Gegensteigungen zu distanzieren, was uns aber nicht gelingt. Es wird zum Spint kommen. Andrin schaut mich an und fragt, ob wir noch sprinten wollen. Ich fühle mich noch in der Lage dazu und so ist es für mich keine Frage, dass wir den Sprint ausfahren. So ziehe ich den Sprint rund 200 Meter vor dem Ziel an. Andrin kann den Sprint aber nicht mehr mit letzter Konsequenz zu Ende fahren und weil bei solchen Partnerrennen der jeweils Zweitplatzierte vom Team zählt, erreichen wir das Ziel als 11. Im Gesamtklassement hat dieser Sprint aber keine Auswirkungen, denn wir können uns so oder so noch auf den 9. Gesamtrang verbessern.

 

Somit geht eine intensive und sehr lehrreiche Woche mit Höhen und Tiefen zu Ende. Wir konnten diese Woche sicherlich nicht unser ganzes Potenzial abrufen. Trotzdem kann ich viele positive Dinge mitnehmen und weiss, dass die Saison noch sehr jung ist.

 

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Rangliste


27.02.2022

Andalucia Bike Race

Oft wurde ich in den vergangenen Jahren für meine unterhaltsam und authentischen Rennberichte gelobt. In den letzten zwei Jahren fiel es mir oft sehr schwer, diese Berichte in der Unbeschwertheit zu verfassen, wie ich es bislang immer gemacht hatte. Häufig fehlte mir die Zeit, neben Studium und Training diese Texte zu verfassen und ich tat mich schwer, noch mehr Zeit am Bildschirm und mit dem Schreiben von Texten zu verbringen. Denn dies war während den letzten zwei Jahren mit Online-Schooling für mein Studium das, was ich am häufigsten getan habe.

Doch ich habe mir vorgenommen, das Schreiben der Rennberichte wieder aufzunehmen und euch Leserinnen und Leser wieder einen Einblick in meine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse während der Rennen zu geben.

 

Sonntag, 20.02.2022 – Ein Tag bis zum Rennen

Es geht los - morgen startet für mich die Rennsaison 2022. Ziemlich unverhofft bin ich vor ein paar Wochen angefragt worden, ob ich Lust hätte, dieses 6-tägige Mountainbike Rennen im Süden Spaniens zu fahren. Das Andalucia Bike Race ist ein Teamrennen, das man im Zweier-Team fährt und gehört zur UCI Marathon World Series. Diese Serie beträgt sieben Rennen und ist mit einem «Marathon-Weltcup» gleichzusetzen.  Mein Partner für diese Woche ist Nelson Vera aus Spanien. Wir lernten uns gestern erst persönlich kennen und werden morgen um 10 Uhr zur ersten Etappe starten. Wir werden während der Woche von Alvaro, einem Freund von Nelson begleitet und wohnen in einem Wohnmobil. Für mich, der sich oft schwertut, sich auf neue Dinge einzulassen, eine erste mentale Herausforderung. Eine Woche mit zwei unbekannten Menschen, wobei ich mich mit Alvaro gar nicht richtig verständigen kann, da er nur Spanisch spricht (und ich nicht.) Das Ganze in einer unbekannten Region, weit weg von Zuhause und mit der Aussicht, die nächste Woche mit den zwei Spaniern in einem Wohnmobil zu wohnen.

 

Montag, 21.02.2022 – Stage 1, 62 KM / 2700 HM

Es wird vermutlich ein harter erster Renntag der neuen Saison mit Start und Ziel in Jaén. Von Beginn an wird ein sehr hohes Tempo gefahren und die rund 160 Elitefahrer sprinten nach einigen hundert Metern auf die erste Streckenverengung zu. Man kann sich etwa ausmalen, was passiert, wenn 160 Rennfahrer auf einen Singletrail zusteuern, auf dem einer hinter dem anderen fahren muss. Wir müssen, wie die meisten anderen Fahrer, kurz vom Bike steigen und verlieren einige Sekunden im Getümmel. Anschliessend entspannt sich die Situation ein wenig und es geht rund 20 Kilometer und 1000 Höhenmeter berghoch. Mein Partner Nelson hat in der zweiten Hälfte des Anstiegs etwas zu kämpfen und so müssen wir einen Gang zurückschalten und einige Teams an uns vorbeiziehen lassen. Ab da versuche ich Nelson so gut es geht zu unterstützen und lasse ihn in den Anstiegen die Pace vorgeben. Auf den letzten Kilometern liefern wir uns einen harten Kampf mit drei anderen Teams. Nelson und ich können uns im Sprint durchsetzen und erreichen das Ziel als 34. Nach 3H12 Renndauer.

 

Dienstag, 22.02.2022 – Stage 2, 64 KM / 2300 HM

Beim zweiten Tag bei Etappenrennen fühle ich mich erfahrungsgemäss am schlechtesten. So kommt mir heute das neutralisierte "Einrollen" auf einer breiten Strasse in Jaèn gerade recht. Doch es ist auch heute hektisch unter den rund 160 Elitefahrer. Nur knapp kann ich zu Beginn einen Sturz verhindern, als einige Fahrer vor mir zu Boden gehen. Ich verliere dabei aber ein wenig den Überblick und verliere auch Nelson aus den Augen. Als es dann in den ersten Aufstieg geht, bin ich mir sicher, dass Nelson hinter mir liegt. So reduziere ich am Ende des Aufstiegs das Tempo, um auf ihn zu warten. Blöd ist nur, dass Nelson zu diesem Zeitpunkt vor mir liegt. So verlieren wir zwar ein wenig Zeit, können aber fortan einen guten Rhythmus fahren und Team um Team überholen. Auch heute dürfen wir atemberaubende Trails fahren und ich persönlich muss auch heute in den Aufstiegen nicht an meine Grenzen gehen. Die letzten Kilometer sind wir mit den zwei selben Teams unterwegs, mit denen wir uns bereits gestern ein hartes Battle lieferten. Im Schlusssprint haben wir auch heute knapp die Nase vorn und sichern uns abermals den 34. Rang. Erfreulich ist vor allem, dass es Nelson heute schon einiges besser lief, das stimmt uns zuversichtlich für die weiteren Etappen.

 

Mittwoch, 23.02.2022 – Stage 3, 70 KM / 1900 HM

Wie bisher jeden Tag ist es auch heute in Andujar wieder sehr hektisch auf den ersten Kilometern. An der Spitze wird ein brutales Tempo angeschlagen, wodurch das Feld nach den ersten flachen Kilometern bald auseinandergerissen wird. Es folgt ein kurzer Anstieg nach dem anderen, welche einer nach dem anderen hochgesprintet werden. Nelson und ich kommen eigentlich gut klar und sind kurz davor, den Kontakt zu einer grösseren Gruppe, um ca. Rang 20 bis 30, zu schliessen. Doch ich sehe durch den vielen Staub in der Luft nicht immer ganz alles am Boden und fahre mir dabei irgendwie einen Platten am Vorderrad ein. Ich bin ein Fahrer, der bislang sehr selten Defekte hat. Wenn ich mir in Vergangenheit Defekte eingefahren habe, dann fast ausschliesslich bei Partnerrennen.

 Wir können den Defekt aber mit einem Plug (ein kleines salamiartiges Würmchen, welches man ins Loch im Reifen drücken kann und zusammen mit der Tubelessmilch dann das Loch abdichtet) beheben und verlieren dabei nur eine knappe Minute. Später tauschen wir das Vorderrad in der Techzone komplett aus. Unser Supporter Alvaro leistet ein super Job und wir verlieren für den Radwechsel nur knapp 30 Sekunden. Von da an läuft es uns beiden sehr gut und wir können die teils steilen Aufstiege und langen technischen Abfahrten gut meistern. Auch heute fahren wir gegen Ende des Rennens auf das eine Team auf, mit dem wir bislang jeden Tag den Schlussprint ausgefahren sind. Wir einigen uns auf «Waffenstillstand» und absolvieren die letzten flachen Kilometer gemeinsam. Am Ende klassieren wir uns auf Rang 36.

 

Donnerstag, 24.02.2022 – Stage 4, 30 KM / 900 HM (Zeitfahren)

Heute steht in Villafranca de Cordoba ein Zeitfahren mit 30 Kilometer und knapp 1000 Höhenmeter auf dem Programm. Wir nehmen uns vor, das Rennen so einzuteilen, dass wir auf den letzten 7 sehr schnellen Kilometer in der Fläche und leicht bergab nochmals richtig Gas geben können. So gibt Nelson die Pace in den Anstiegen vor und ich versuche mich besonders in den steilen Anstiegen zurückzuhalten, da ich mich heute sehr gut fühle. Oftmals könnte ich ein Stück schneller fahren, doch Nelson bewahrt zum Glück Ruhe und überpaced nicht. Wir kommen gut zurecht und können am Ende wie geplant noch etwas aufdrehen und uns komplett leer fahren. Die Ablösungen am Ende sind dann schon ziemlich hart und ich bin froh, als wir die Ziellinie erreichen. Es reicht am Ende mit Rang 28 endlich für eine Top-30-Rangierung. Die Strecke ist für mein Geschmack überragend gewählt. Abwechslungsreich und mit allem, was man auf einer Marathonstrecke haben will. Ich bin generell positiv überrascht von diesem Rennen.

 

Freitag, 25.02.2022 – Stage 5, 80 KM / 1500 HM

Heute steht bei leichtem Regen in Cordoba mit 80 Kilometern und 1500 Höhenmeter die "Königsetappe" an. Bereits nach der ersten Kurve liegen auch heute wieder die ersten Fahrer am Boden. Wir bleiben abermals verschont und können uns auf den ersten Kilometern gut positionieren. Doch auf einmal kann ich Nelson nicht mehr sehen und warte am Streckenrand auf ihn. Ihm ist die Kette herausgesprungen und er musste kurz vom Rad steigen. Ich fühle mich auch heute sehr gut und so führe ich uns wieder an die nächste Gruppe heran. Kurz später passiert dasselbe nochmal: Nelson muss anhalten und vom Rad steigen. Wir verlieren die Gruppe aber können nach wenigen Sekunden wieder weiterfahren. "Also nochmals" denke ich mir und wir können die Lücke wieder schliessen. Ich fühle mich so stark, dass ich mich kurz um Nelson's Gefühl erkundige und mich dann an die Spitze der Gruppe setze. Da sorge ich über mehrere Kilometer für ein hohes Tempo in den Flächen und den leichten Anstiegen. Nelson immer ein, zwei Positionen hinter mir und - wie ich es interpretiere - mit einem guten Gefühl. Ich fühle mich heute unglaublich stark und so drücke ich weiter aufs Gas und wir können im nächsten Anstieg einige Fahrer loswerden. Doch leider werde ich auch bald Nelson an meinem Hinterrad los und so müssen wir das Tempo etwas drosseln. Er habe kein guter Tag heute, meint er. Als uns dann einige Fahrer aus dieser Gruppe davonfahren, bin ich etwas enttäuscht, dass sich die ganze Arbeit, die ich zu Beginn der Etappe verrichtet habe, nun doch nicht auszahlen wird und wir wieder an Boden verlieren. Ich versuche Nelson zu helfen und ihn zu motivieren. Wir können eine Gruppe mit drei anderen Teams halten, mit denen wir uns auf die letzten Kilometer begeben. Ein langer Singletrail schlängelt sich in Richtung Ziel. Ein letzter kurzer Anstieg steht uns noch bevor. Ich attackiere und denke mir "vielleicht kann Nelson mitfahren". Ich höre Nelson's Stimme "Go Fadri, Go!" und weiss, dass wir die anderen drei Teams distanziert haben. Den knappen Vorsprung bringen wir ins Ziel und können uns so den 25. Rang sichern.

 

Samstag 26.02.2022 – Stage 6, 43 KM / 1000 HM

Heute steht bereits die letzte Etappe an. Nelson und ich wollen die Top-30 im Gesamtklassement verteidigen und nochmals ein solides Tagesergebnis erzielen. Es geht natürlich auch heute direkt vom Start weg ordentlich zur Sache. Der erste Anstieg geht bald zu einem Singletrail-Uphill über, wo überholen nicht mehr möglich ist. Wir finden uns in einer Gruppe mit drei anderen Teams ein. Und ehrlich gesagt passiert fortan nicht mehr allzu viel. Wir können uns gut in dieser Gruppe halten und - weil andere Fahrer in der Gruppe unbedingt vorne fahren wollen - können wir uns raushalten und im Windschatten auch immer wieder mal bisschen Kräfte sparen. Meine Beine fühlen sich heute zum ersten Mal nicht allzu gut an. Trotzdem kann ich mit der Gruppe und mit Nelson, der einen guten Tag hat, mitfahren. Etwas erstaunt bin ich, als ich in unserer Gruppe mit Francesco Casagrande einen 51-jährigen Ex-Strassen-Profi ausmache. Dass jemand, der fast gleich alt ist wie mein Vater, noch so schnell Radfahren kann, erstaunt mich bei allem Respekt schon sehr. Und wer Francesco Casagrande nicht kennt, soll mal nach seinem Namen googeln, dann versteht man vielleicht auch, wieso sich da ein gewisser Unmut breit macht. Doch zurück zum Rennen.

Das Finale ist auf derselben Strecke wie gestern und wir fahren abermals mit drei anderen Teams auf die letzten Kilometer. Ich sage Nelson, dass wir es gleich machen sollen wie gestern. Er nickt und wir machen es genau gleich, attackieren am letzten kurzen Anstieg und bringen den Vorsprung ins Ziel. Zielsprint 6/6 gewonnen und somit den 21. Rang gesichert. Im Gesamtklassement können wir uns somit sogar noch auf Rang 24 verbessern.

 

 

Somit geht eine intensive Rennwoche zu Ende. Für mich war es ein unglaubliches Abenteuer. Ein fremdes Rennen mit einem fremden Partner in einer fremden Region zu einer Jahreszeit, zu der ich nie zuvor so ein Rennen gefahren bin. Mit meiner Leistung bin ich sehr zufrieden und die Formkurve scheint zu stimmen. Nun geht es weiter mit einem Trainingsblock, bevor dann im April das nächste World Series Rennen in Kroatien ansteht.